Blauregen über dem Portal, Rosen an der Veranda, Efeu an der Mauer – kaum etwas prägt unser Bild vom historischen Wohnhaus so sehr wie Kletterpflanzen.
Solche Bilder begegnen uns in Gemälden, auf alten Postkarten oder in Familienalben. Sie wirken so selbstverständlich, dass man kaum darüber nachdenkt, warum diese Häuser überhaupt begrünt wurden. War es eine praktische Maßnahme oder eine Modeerscheinung?
Heute wird Fassadenbegrünung meist mit Artenvielfalt oder der Anpassung an immer heißere Sommer in Verbindung gebracht. Tatsächlich reicht ihre Geschichte weit zurück. Ihre eigentliche Blütezeit erlebte sie vom späten 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg — genau in jener Zeit also, aus der viele der Häuser stammen, die wir heute als historische Wohnhäuser schätzen.
Kletterpflanzen waren damals weit mehr als bloßer Fassadenschmuck. Sie waren Ausdruck eines neuen Wohnideals, das Haus und Garten nicht mehr als zwei getrennte Welten verstand. Begrünte Fassaden verbanden beide zu einer Einheit. Dieses Wohnideal war zwar neu, die Begrünung von Mauern selbst jedoch nicht.
Die Idee, Pflanzen an Mauern wachsen zu lassen, ist sehr viel älter.
Schon die Römer nutzten Haus- und Gartenmauern, um Weinreben zu kultivieren. Vor allem an nach Süden ausgerichteten Wänden speicherten Stein und Mauerwerk tagsüber die Sonnenwärme und gaben sie nachts langsam wieder ab. Dadurch konnten Trauben selbst in Regionen reifen, deren Klima eigentlich zu kühl für den Weinbau war. Auch in mittelalterlichen Klöstern machte man sich diesen Effekt zunutze. Wein wurde nicht nur als Genussmittel benötigt, sondern für den Gottesdienst, als Heilmittel und zur Herstellung alkoholischer Auszüge. Rebstöcke an geschützten Mauern gehörten deshalb vielerorts zum klösterlichen Alltag.
Ähnlich verhielt es sich mit Spalierobst. Äpfel, Birnen, Aprikosen oder Pfirsiche wurden flach an Mauern gezogen, weil sie dort bessere Wachstumsbedingungen fanden und gleichzeitig weniger Platz benötigten.
Fassadenbegrünung hatte also zunächst einen praktischen Nutzen. Die Pflanzen sollten Erträge liefern und günstige Standortbedingungen ausnutzen. Eine dekorative oder romantische Vorstellung stand damals nicht im Vordergrund.
Erst viele Jahrhunderte später änderte sich diese Sichtweise grundlegend.
Das neue Wohnideal der Gründerzeit
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des späten 19. Jahrhunderts entstanden nicht nur neue Wohnhäuser, sondern auch neue Vorstellungen davon, wie man wohnen wollte.
Vor allem wohlhabende Bürger ließen Villen und Landhäuser errichten, die sich deutlich von den dicht bebauten Mietshausvierteln der Städte unterschieden. Zum Haus gehörte nun fast selbstverständlich ein Garten — nicht als Nutzfläche, sondern als Teil des Wohnens.
Das Vorbild waren englische Landhäuser. Sie galten vielen Architekten und Bauherren als Ausdruck einer neuen Wohnkultur. Sie waren meist sehr eng mit ihren Gärten verbunden. Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen gehörten selbstverständlich zum Gesamteindruck des Anwesens. Der Garten wurde als selbstverständlicher Teil des Wohnkonzepts verstanden. Diese Ideen fanden auch in Deutschland großen Anklang. Architekten, Gartenplaner und Bauherren begannen, Gebäude und Außenanlagen gemeinsam zu entwerfen. Blumenbeete reichten bis ans Haus, Pergolen verbanden Terrasse und Garten, und Kletterpflanzen lockerten die oft streng wirkenden Fassaden auf.
Gleichzeitig erweiterte sich das Angebot an Zier- und Kletterpflanzen erheblich. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Auswahl an Kletterpflanzen vergleichsweise überschaubar. Efeu, Weinreben, Wildrosen und Geißblatt gehörten zu den bekanntesten Arten. Dann brachten Botaniker und Pflanzenjäger zahlreiche neue Pflanzen nach Europa. Aus China kam der Blauregen mit seinen spektakulären Blütentrauben. Aus Nordamerika gelangte die Jungfernrebe nach Europa, deren leuchtend rote Herbstfärbung auch heute fasziniert. Hinzu kamen neue Clematis-Züchtungen, Kletterhortensien und weitere Zierpflanzen, die das Bild der Gärten nachhaltig veränderten.
Haus und Garten als Einheit — ein Perspektivwechsel
Zu den wichtigsten Vertretern dieser Auffassung im deutschsprachigen Raum gehörte der Architekt Hermann Muthesius. Nach mehrjährigen Aufenthalten in England setzte er sich dafür ein, Architektur und Garten als gestalterische Einheit zu verstehen. In seinem Werk Landhaus und Garten (1907) beschrieb er dieses Ideal ausführlich.
Das klingt heute selbstverständlich, war damals jedoch ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Der Garten mit all seinen Elementen wie Terrassen, Pergolen, Pavillons und Pflanzungen wurde gemeinsam mit dem Haus als Gesamtkonzept geplant. Die Fassade war nicht länger bloßer Abschluss des Hauses, sondern die Fläche, auf der beide Welten ineinander übergingen.
Kletterpflanzen ließen Mauern weniger massiv erscheinen und nahmen der Architektur ihre Strenge. Die Natur wurde Teil des Hauses, während sich das Haus allmählich in seine Umgebung einfügte.
Diese Entwicklung brauchte Zeit. Ein neu gebautes Haus war nicht sofort fertig, sondern sollte mit den Jahren reifen - während die Pflanzen wuchsen und nach und nach die Fassade erklommen.
Die folgenden Aufnahmen aus Hermann Muthesius’ Werk Landhäuser von 1912 zeigen, wie selbstverständlich Kletterpflanzen in seine Architektur einbezogen wurden. Zu sehen sind das von Muthesius für seine Familie errichtete Haus in Nikolassee und das von ihm entworfene Haus Schweitzer am Stolper See.
Die Gartenstadt und der Zeitgeist
Hermann Muthesius' Ideen blieben nicht auf einzelne Landhäuser beschränkt. Um 1900 entstand die Gartenstadtbewegung als Antwort auf die Folgen der Industrialisierung. Ihr Ziel war es, den engen und oft unhygienischen Wohnquartieren der schnell wachsenden Städte etwas entgegenzusetzen und gesundes Wohnen in einer grünen Umgebung zu ermöglichen. Muthesius gehörte zu den Wegbereitern der deutschen Gartenstadtbewegung und wirkte am Aufbau der ersten deutschen Gartenstadt Hellerau bei Dresden mit.
In vielen Gartenstädten gehörten Holzspaliere selbstverständlich zur Gestaltung der Häuser. Sie dienten nicht nur dem Anbau von Spalierobst, sondern auch Kletterrosen, Weinreben und anderen Zierpflanzen als Rankhilfe. Haus, Garten und Fassade wurden als zusammengehöriges Ganzes verstanden – ein Leitgedanke, der das Bild vieler Wohnsiedlungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägte.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderten sich die Prioritäten grundlegend. Beim Wiederaufbau standen die schnelle Schaffung von Wohnraum und eine neue, sachliche Architektursprache im Vordergrund. Bestehende Fassadenbegrünungen wurden vielerorts entfernt, und bei Neubauten verzichtete man meist ganz auf Kletterpflanzen. Glatte Fassaden und klare Linien galten nun als Ausdruck modernen Bauens. Zudem setzte sich zunehmend die Auffassung durch, Kletterpflanzen könnten Putz und Mauerwerk schädigen. Begrünte Fassaden passten nicht mehr zum Zeitgeist und galten als überholt.
Erst mit dem wachsenden Umweltbewusstsein der 1970er- und vor allem der 1980er-Jahre rückte die Fassadenbegrünung wieder stärker in den Blick. Nun standen allerdings andere Fragen im Mittelpunkt: Natur- und Umweltschutz, lebenswertere Städte und später auch das Stadtklima.
Fortsetzung folgt
Die Begrünung von Fassaden erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Wer ein historisches Gebäude begrünen oder mit einer einzelnen Kletterpflanze schmücken möchte, sollte jedoch einige Besonderheiten beachten.
Im zweiten Teil dieser Reihe geht es um Fragen zur Praxis: Welche Pflanzen eignen sich für historische Häuser? Welche Rankhilfen haben sich bewährt? Wann wird Efeu tatsächlich problematisch? Und wie lässt sich die historische Bausubstanz dauerhaft schützen?
Fotos: Titelbild: Historisch Wohnen
Bild 1. Historisch Wohnen
Bild 2 und 3:
Hermann Muthesius, Landhäuser, München: F. Bruckmann A.G., 1912